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Oper Carmen gegen den Strich gebürstet oder Don José als mordlüsterner Revolverheld

Das Burgplatz Open Air in Braunschweig geht mit Bizets Carmen in die fünfzehnte Saison

Oper Carmen gegen den Strich gebürstet oder Don José als mordlüsterner Revolverheld

(NL/6903450264) Seit fünfzehn Jahren bereichert das Staatstheater Braunschweig mit seinem Open Air Programm auf dem Burgplatz in einer eigens dafür errichteten Arena das Kulturleben der Okerstadt. In diesem Jahr steht mit der Opéra-comique von Georges Bizet Meisterwerk wie zu Beginn der Freiluftaufführungs-Ära Carmen erneut auf dem Spielplan. Regisseur Philipp M. Krenn war angetreten, die oft volksfesthafte Aufführungspraktik gänzlich gegen den Strich zu bürsten. Generalmusikdirektor Srba Dinic stand dem nicht nach, denn er interpretierte Bizets Partitur nicht als Popkonzert mit gehörigem Um-Tata, sondern mit dem umsichtigen und bestens aufgelegten Staatsorchester Braunschweig feinfühlig. Er ließ auch zarte Töne zu und kostete die Möglichkeiten einer dramatischen Entwicklung ohne eindimensionale Knalleffekte aus. Schon die Ouvertüre ließ in ihrer musikalischen Vielfalt aufhorchen. Wie seit Jahren hervorragend, konnten die Zuschauer wieder von einer bestens eingerichteten Tontechnik profitieren, die gerade beim Orchesterpart die Qualität einer prominenten Einspielung eines hochkarätigen Klangkörpers aufwies. Aber das bloße herunterdudeln der Carmen-Hits versagt sich Dinic. Der temperamentvolle Dirigent Srba Dinic entlockte seinem Orchester vielmehr dunkle differenzierte Töne und setzt eine dramatische Entwicklung durch, die zeigten, dass das Staatorchester Braunschweig zu den führenden Klangkörpern im Norden der Republik gehört. Dinic führte Orchester, Chor und Solisten jenseits der sonst anzutreffenden plakatistischen Carmen-Routine sicher durch die Premiere. Das Publikum, das sich auch aus vielen Gästen der Sponsoren und des Staatstheaters zusammensetzte, feierte vornehmlich sich selbst und das Arena-Event, die Solisten, den Generalmusikdirektor und sein Staatsorchester sowie die Chöre und blieb beim Regieteam im Gegensatz zu den bisherigen Burgplatz-Open Air Premieren ungewohnt verhalten. Es mischten sich sogar einzelne Buhrufe für das Regieteam, das spanische Folklore weitgehend vermeidet, ihren Ansatz aber nicht durchhält und immer wieder ins Klischee verfällt, in den Applaus.

Der eigentlich opernerfahrene Regisseur Philipp M. Krenn konnte mit seiner naturalistisch-erdiger Carmensicht, die oft im Dunkeln spielte, schließlich nur bedingt überzeugen. Sein Versuch einer Neuinterpretation gelingt nicht, auch wenn es ehrenwert ist, dass in seiner Darstellung Carmen nicht Folklore oder Klischee der Kastagnetten-Liebesgeschichten in und um die Stierkampfarena bedeutet. Fraglich bleibt, ob es wirklich einfallsreich ist, Kastagnetten durch Bierflaschen zu ersetzen? Und ob es tatsächlich Sinn macht, die Oper umzudrehen und den Mord von Don José an Carmen an den Anfang zu stellen. Das Fehlen eines traditionellen roten Carmen-Kostüms, von Kastagnetten und der sich nicht immer erklärende Handlungsablaufs macht noch keine interessante Neudeutung des Librettos von Henri Meilhac und Ludovic Halévy und ist auch keine ausreichende Entkitschung. Unangenehm wird es für die Zuhörer, wenn Philipp Krenn die Sänger durch szenische Vorgaben dazu zwingt, im Liegen und Kauern singen zu müssen oder durch falsche Positionierung der Darsteller diese in die Mikrophone der jeweiligen Partner zu singen gezwungen ist. Von einem Bühnenbild im eigentlichen Sinne kann hier keine Rede sein. Vielmehr bietet Heike Vollmer mit Holzstühlen und -tischen, Ledersesseln, Holzbohlen und einem metallenen Bettgestellt lediglich multifunktional einsetzbare Versatzstücke, die kaum arenataugliche Optik erzeugten. Schade. Die Kostüme von Regine Standfuss sind seltsam nichtssagend aber zeitlos aber das Drama um Carmen, Escamillo und Sergeant Don José muss sich ja zeitlich auch nicht festlegen.

Die krude und zuweilen verworrene Handlung machte es dem Publikum nicht leicht und dass in französischer Sprache gesungen wurde, steigerte dieses Problem. Die Führung des großen Chores, der sich aus Chor- und Extrachor des Staatstheaters formierte, misslang nicht. Aber die Choristen treten halt einfach nur auf und ab. Nur bei der Positionierung des Chores im Zuschauerbereich macht das Sinn, denn die Choristen bilden dann das voyeuristische Publikum. Der Staatheaterchor wurde mit Extrachor von Georg Menskes bestens einstudiert. Und der Kinderchor konnte stimmstark in der Führung von Mike Garling gefallen. Auf dem Braunschweiger Burgplatz wurde Lillas Pastia zum handlungstragenden und handlungsbeeinflussenden wortlosen Erzähler, den der fast seit 20 Jahren zum Schauspielensemble des Staatstheaters Braunschweig gehörende Mattias Schamberger mit bloßem Oberkörper und typischer Torerohose (einer der Reste des doch vorhandenen Klischees) dämonisch darbot. Er steuerte als Mister Tod nicht nur Don José, der Carmen mehrfach, Bauernmädchen Michaela, sich selbst und irgendwie jeden erschoss, so dass es fast komische Züge bekam. Irgendwie wurde die Kraft, die dem Stück inne wohnt, durch die vermeintliche, hier fehlgeleitete, Kraft einer Waffe ersetzt.

Wenig Licht und umso mehr Schatten bot die Besetzung der einzelnen Partien. Die Operndirektion des Staatstheaters Braunschweig muss sich an erster Stelle fragen lassen, ob es wirklich sein muss, die Rolle des Don José mit einem rein lyrischen Tenor zu besetzen. Kwonsoo Jeons, der dem Don José schauspielerisch das Profil eines ewig Gehetzten gab, kann keinerlei Vorwurf gemacht werden, denn seine Stimme ist wundervoll und höhenstark aber eben nicht durchschlagskräftig genug, um seine Rolle gesanglich festspieltauglich zu interpretieren. Hier steht stimmlich ein hervorragender Rudolfo auf der Bühne, der (noch) nicht über die heldischen Qualitäten, die für die Partie des Don José erforderlich sind, verfügt. Eugene Villanueva zeigte in der letzten Spielzeit in Braunschweig als Marquis von Posa in Verdis Don Carlo einen ausgesprochen stimmschönen und mit dem notwendigen Strahl ausgestatteten Bariton. In der Rolle des Escamillos präsentierte er jedoch nur noch das Skelett seiner ehemals ausdrucksstarken Stimme. Höhenschwach mit brüchigem tiefem Fundament und ohne heldenbaritonaler Attacke gab er einen schmerbäuchigen lahmen Stierkämpfer, der auch beim lächerlichen Stage Diving oder albernen Armdrücken keinen Respekt einflößen oder gar Feuer entfachen konnte.

Kommen wir zu den Pluspunkten: Das Staatstheater Braunschweig darf sich glücklich schätzen, drei Mezzosoprane im Ensemble zu haben, die eine Carmen darstellen und singen können. In der Premiere zeigt Jelena Kordic mit tief grundiertem weiblich sattem Mezzosopran, wie schön in Carmen gesungen werden kann, wenn die Besetzung angemessen und die Stimme gesund und frisch ist. Carmen hatte in dieser Inszenierung in erster Linie stimmliche Reize, die das Publikum wirklich begeisterten. Der Regisseur verwandelte die Figur der Carmen in eine relativ unbeteiligte Person mit goldfarbenem Oberteil, die nicht im Mittelpunkt der Handlung steht und mehr geschehen lässt, als die Handlung voranzutreiben. Ein verführerisches Spiel, Liebe oder Sehnsucht sah der Regisseur in seiner Deutung der Carmen nicht vor. Irgendwie passte die bieder dargestellte und kostümierte Michaela nicht ins Regiekonzept. Sie wirkte wie ein Fremdkörper. Doch konnte die in Braunschweig seit Jahren zu den Publikumslieblingen gehörende Ekaterina Kudryavtseva mit ihrem aufblühenden lyrischen Sopran punkten, durch Melos in der Stimme berühren und es verwundert nicht, dass die Sängerin beim Schlussapplaus ähnlich wie Jelena Kordic mit starkem Applaus und Bravorufen bedacht wurde. Als durchweg schönstimmige Comprimarii sangen Matthias Stier Remendado, Maximilian Krummen Dancairo, Jelana Bankovic Fraquita, Milda Tubelyte Mercedes und David Ostrek, der alternierend mit Eugene Villanueva als Escamillo besetzt ist, kräftig den Morales. Die Rolle des Zuniga gab Dominic Barberi mit angenehm kräftigem Bass. Die Oper Carmen wird auf dem Braunschweiger Burgplatz noch bis einschließlich 5. September 2018 gespielt. Insgesamt finden 20 Aufführungen mit rund 25.000 Zuschauern statt, die bei gezielten Aktivitäten auch die regulären Aufführungen des Braunschweiger Staatstheaters bereichern könnten. Weitere Informationen und Kartenbestellung unter www.staatstheater-braunschweig.de

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Generalmusikdirektor Srba Dinic reüssiert beim zehnten Sinfoniekonzerts des Staatsorchesters Braunschweig mit Sciarrino und Beethoven

Srba Dinic ist seit einem Jahr Generalmusikdirektor und Chefdirigent des Staatsorchesters Braunschweig

Generalmusikdirektor Srba Dinic reüssiert beim zehnten Sinfoniekonzerts des Staatsorchesters Braunschweig mit Sciarrino und Beethoven

(NL/7434791603) Vor einem Jahr berief das Staatorchester Braunschweig den serbischen Dirigenten Srba Dinic zum Generalmusikdirektor. Seine Vorgänger waren unter anderem Alexander Joel, Stefan Soltesz und Heribert Esser. Jetzt hat Srba Dinic seine erste Saison in Braunschweig mit Beethovens neunter Sinfonie beendet und mit dem Staatorchester Braunschweig, dem Staatstheater Chor, dem KonzertChor Braunschweig und den Solisten Ekaterina Kudryavzseva (Sopran), Jelena Kordic; (Mezzosopran), Matthias Stier (Tenor)
und Selcuk Hakan Tirasoglu (Bass) stehende Ovationen für eine mitreißende Aufführung geerntet.

Mit Beethovens Utopie von Friede und Freude für alle Menschen endete die Konzertsaison 2017/18 des Staatsorchesters Braunschweig mit Beethovens neunter Sinfonie. Das Konzertprogramm wurde zweimal in Braunschweig in der Stadthalle und einmal in Celle mit jeweils großem Erfolg gespielt. Die ungewöhnliche Programmatik des zehnten Sinfoniekonzerts des Staatsorchesters Braunschweig mit Salvatore Sciarrinos Shadows of Sound und Ludwig van Beethovens Neunter Sinfonie kam beim Braunschweiger Publikum hervorragend an und ließ die Konzertsaison mit den von Beethoven vertonten Zeilen Schillers als Utopie von Freude und Frieden für alle Menschen mitreißend enden. Dass die Komposition von Sciarrino übergangslos sozusagen als Nullter Satz in das Werk Beethovens überging, war zielführend, wenn nicht sogar ein Wurf der Programmgestalter, denn die Werke können sich kongenial ergänzen. Die Musik der Elemente von Salvatore Sciarrinos bereitete mit leisen, oftmals kaum wahrnehmbaren Tönen eine Einstimmung auf die überaus dynamische Gestaltung von Beethovens Meisterwerk.

Der Spohrpreisträger 2007: Salvatore Sciarrino
Die Komposition von Salvatore Sciarrino zeigte als leise Geräuschkollage vornehmlich Schatten von instrumentalen Klängen. Sie bietet als anorganisches Konzertkonstrukt kaum mehr als meditative Geräuscheindrücke und kein durchgängiges melodisches Ereignis. Das oft Minimalistische des Klangs im rhythmischen Zerfließen mit leichten Aufwallungen, das rasch im kaum oder nicht mehr Hörbaren verklingt, kennzeichnet die Komposition. Ob diese Geräusche oder Klangschatten den Zuhörer grundsätzlich packen können, bleibt durchaus zweifelhaft. In der Komposition liegt aber eine gewisse Faszination, sodass die 17 Minuten Sciarrino rasch verklingen. Shadows of Sound kann den Grundstein, den Urschleim voranstellen, um die Sinne für die Utopie der Neunten Sinfonie zu schärfen, die sich in der Ode an die Freude überstrahlend und, überhaupt nicht schattig, jubelnd Bahn bricht. Beethovens Noten haben es nicht schwer, nach den Tönen vom Meister der leisen Töne Salvatore Sciarrino durchzusetzen. In dieser Konzert-Programmatik müssen sie es aber auch nicht.

Generalmusikdirektor Srba Dinic ist ein Meister der Dynamik: Bewegt und bewegend
Schroffes kann nur schroff klingen, wenn ein Dirigent zuvor und/oder danach weniger Schroffes, Brutales zulässt. Und darin ist Dinic im zehnten Sinfoniekonzert der Spielzeit 2017/18 ein Meister. Er schafft mit dem Staatsorchester Braunschweig eine Dynamik, wie sie in der Interpretation der Neunten Sinfonie von Beethoven eben nicht alltäglich ist. Was ist nicht schon alles über Beethovens Neunte Sinfonie geschrieben und gesagt worden? Mit seiner Sinfonie beendet der Komponist die Wiener Klassik und Srba Dinic kostet die dynamischen Möglichkeiten mit dem in allen Instrumentengruppen bestens vorbereiteten Staatsorchester Braunschweig aus. Besonders sein zügiges Tempo fällt auf. In 63 Minuten führt er die Musiker durch die Sinfonie, hetzt doch nicht, sondern macht mit klarer, energischer Zeichengebung deutlich, wann Langsamkeit oder Geschwindigkeit angezeigt sind. Er steigert auch nicht ins kaum noch erträgliche Überforte und geht nicht über musikalische Grenzen hinaus. Er verleiht der Sinfonie Klangfarben ohne einen mediterranen Stil zu kreieren, der bei vielen insbesondere südländischen Dirigenten oftmals als störend empfunden wird. Die Freuden-Chöre und -Solisten können mit Freude im Finale alles überstrahlen, wenn zuvor und dabei auch andere Töne wahrnehmbar waren. Und das waren sie in der Braunschweiger Stadthalle. Wer den neuen Braunschweiger Chefdirigenten bislang als exemplarischen Gestaltern slawischer Musik verortete, nahm begeistert zur Kenntnis, dass er das dramatische Ringen bis zum Durchbruch in Beethovens Sinfonie nicht nur zulässt, sondern gemeinsam mit dem Staatsorchester Braunschweig zum Klingen, zum An- und Abschwellen, bringt. Das unablässig Drängende erreichte dadurch besondere Wirkung, da Dinic ein Adagio molto cantabile zuließ. Er lässt von Beginn an keinen Zweifel aufkommen, dass er die Tempi reduzieren kann und wird. Und doch glättete er im ersten Satz nicht übermäßig die scharfen Kanten und ließ in den Nebenthemen das Staatsorchester immer wieder warm-sinnlich aufleuchten. Dabei findet er in den Staatsmusikern die richtigen Partner, die die Klüfte des zweiten Satzes im schnellen Schritt als ein Klangkörper meistern. Den bis heute genialen Komponisten standen kongeniale Interpreten zur Seite. Dinic bereitet mit seinen Musikern die Zuhörer auf das grandiose Finale vor. Im dritten Satz reizte er das Adagio voll aus und setzt damit einen unüberhörbaren Kontrapunkt zum legendären Finalsatz auf Schillers Ode an die Freude. Die Streicherkultur, die die Instrumentengruppe zeigte, kann sich zu einem Braunschweiger Klang entwickeln, der Mahler, Strauß und natürlich auch Beethoven verpflichtet ist. Wer im Finalsatz eindimensionalen zu oft gehörten Donner erwartete, stellte freudig fest, dass die Dynamik der Interpretation von Srba Dinic eine geradezu herrliche Freude ergab. Die letzten Sekunden der Sinfonie hätten vielleicht etwas mehr Impetus vertragen können, was einer wirklich großartigen Leistung jedoch keinen Abbruch tat, sondern vielmehr eine Aussage macht, denn wahrscheinlich niemals werden alle Menschen Brüder sein!

Das Solistenquartett überzeugt in der Ode an die Freude
Im vierten Satz zeigte die seit 2010 am Staatstheater Braunschweig engagierte Sopranistin Ekaterina Kudryavtseva, dass sie den dramatischen Anforderungen voll gewachsen war und ihre glasklare Stimme in der Ode an die Freude kräftig auftrumpfen kann ohne zu übertönen. Die zu Beginn der Spielzeit ans Braunschweiger Staatstheater gekommene Mezzosopranistin Jelena Kordic nennt eine warme Stimme ihr Eigen, die sich angenehm vom Sopran abhebt und vom Stimmvolumen her mit der Ekaterina Kudryavzseva mithalten kann. Mit Matthias Stier stand ein lyrischer Tenor auf dem Konzertpodium. Doch der Zuschauer musste nicht bangen, denn der seit 2011 am Staatstheater Braunschweig engagierte Sänger verfügt über ausreichend Strahl in der Stimme, um seinen Part bravourös zu meistern. Sehr klar, koloraturgewandt und kräftig überwand er die scharfen Klippen des Tenorparts in Beethovens neunter Sinfonie. Seit dem Intendantenwechsel zu Dagmar Schlingmann gehört demgegenüber der türkische Bassist Selcuk Hakan Tirasoglu nicht mehr zum Braunschweiger Opernensemble, was das Publikum sehr bedauert. Ab der nächsten Spielzeit kann sich das Regensburger Publikum auf seine prächtige Bassstimme freuen. Es war eine Freude ihm zuzuhören. Seine Höhe ist gut ausgebaut, sodass er in seinem Part keine Probleme hatte und mit warmem Basso profondo ausgesprochen schön- und großstimmig sang. Dem Sängerquartett gelang eine nachdrückliche Gesangsleistung, die bestens mit den jubilierenden Chören harmonierte. Neben dem hervorragenden Staatstheaterchor unter der Leitung von Chordirektor Georg Menskes brachte der KonzertChor Braunschweig mit Chorleiter Matthias Stanze ein chorales Gewicht für eine würdige Wiedergabe der Ode an die Freude, die aber auch nicht zu mächtig schmetterte. Generalmusikdirektor Srba Dinic führte Chöre, Solisten und Orchester mit energisch deutlicher Zeichengebung zu einer mustergültigen ausgewogenen Klangwelle, die das Publikum begeisterte und im Doppelkonzert rund viertausend Zuhörer zu Jubel, stehenden Ovationen und Bravorufen führte, die gerechtfertigt waren.

Übersieht Operndirektorin Isabel Ostermann die Zeichen der Zeit und des Publikums?
Während die Menschen in die Sinfoniekonzerte des Staatsorchester Braunschweig geradezu strömen und die diesjährige Burgplatz-Openair mit der Oper Carmen in 18 Aufführungen mit rund 27.000 verkauften schon jetzt fast ausverkauft ist, herrschte geradezu gähnende Leere im Großen Haus des Staatstheater Braunschweig, wenn Musiktheater auf dem Spielplan stand. Das war wohl darauf zurückzuführen, dass Operndirektorin Isabel Ostermann einen Faible für etwas hat, war die Zuschauer in Braunschweig und der Region nicht goutiert: Musiktheater des zwanzigsten Jahrhunderts. Zudem war der Spielplan, der praktisch ohne Wiederaufnahmen und Bewährtes auskommen musste, relativ dünn und das Opernensemble mit zehn Solisten recht klein besetzt. Bedauerlich ist, dass die Operndirektorin aus diesen Problemen scheinbar nicht gelernt hat und auch in der kommenden Spielzeit (2018/19) vorrangig Werke zur Premiere bringt, die leere Säle geradezu vorprogrammieren.

Berichterstattung: Sven-David Müller und Folker Reuß

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Alexander Knappe spielt mit dem Philharmonischen Orchester Cottbus & Special Guests im Mehr! Theater in Hamburg

Alexander Knappe spielt mit dem Philharmonischen Orchester Cottbus & Special Guests im Mehr! Theater in Hamburg

Evan Christ und Alexander Knappe – Foto von NautilusMusic

Erstmalig brachten Singer/Songwriter Alexander Knappe und das Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus ihre gemeinsame Bühnenshow „Musik an. Welt aus.“ im Oktober des vergangenen Jahres nach Hamburg. Ihr Konzert im Audimax war innerhalb weniger Wochen ausverkauft. Aufgrund der riesigen Nachfrage wird das Crossover-Konzert aus frischem deutschsprachigen Pop und Klassik in diesem Jahr mit neuen und bekannten Gästen wieder in Hamburg aufgeführt. Das Event steigt am Samstag, 9. September, im Mehr! Theater am Großmarkt. Tickets für die Veranstaltung sind ab sofort an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.

„In Hamburg haben wir im vergangenen Jahr ein absolut großartiges Konzert erlebt. Der Zuspruch und die positive Resonanz haben uns selbst beeindruckt. Uns war sofort klar, dass wir wieder nach Hamburg kommen“, freut sich Alexander Knappe.

Das gemeinsame Konzert des 60-köpfigen Orchesters mit dem Singer/Songwriter und seinen Gästen ist in Knappes Heimatstadt Cottbus bereits eine Erfolgsgeschichte. Seit 2013 gibt es die Kombination aus philharmonischen Klängen und Pop-Songs unter Leitung des Dirigenten Evan Christ in jährlich zwei – immer ausverkauften – Konzerten im Staatstheater zu erleben. Das Ungewöhnliche und Unerwartete machen diese Konzerte einzigartig: Plötzlich steht ein Opernchor auf der Bühne, oder mitten im musikalischen Rausch der zwei Welten spielt die Titelmusik eines Hollywood Blockbusters. Hinzu kommen hochkarätige Gäste. Bei den vergangenen Konzerten kamen Künstler wie Johannes Oerding, Vincent Weiß, Alexa Feser oder Joel Brandenstein zusätzlich auf die Bühne.

Zurzeit arbeitet Alexander Knappe an seinem dritten Album, das im Herbst dieses Jahres erscheinen soll. Sein Debüt-Album „Zweimal bis unendlich“ mit der Single „Weil ich wieder zu Hause bin“ stieg 2012 direkt in die Charts auf Platz 21 ein. Zwei Jahre später legte er mit „Die Zweite“ nach. Die darauf enthaltene Lebens-Hymne „Lauter Leben“ zählte über Monate zu den 20 meistgespielten deutschsprachigen Songs im Radio.

Der in Los Angeles geborene Dirigent Evan Christ ist einer der führenden Dirigenten seiner Generation. Seit 2008 ist er Generalmusikdirektor am Staatstheater Cottbus. Unter seiner Leitung erhielt das Philharmonische Orchester vom Deutschen Musikverlegerverband in der Kategorie „Bestes Konzertprogramm“ eine Auszeichnung für seine innovative Programmgestaltung.

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Wer wird Generalmusikdirektor des Staatsorchesters Braunschweig?

Die Bald-Generalintendantin des Staatstheater Braunschweig Dagmar Schlingmann bringt den Zeitplan der Besetzung der GMD-Position des Staatsorchester Braunschweig jetzt gehörig durcheinander

Wer wird Generalmusikdirektor des Staatsorchesters Braunschweig?

Alexander Joel war von 2007 bis 2014 Generalmusikdirektor des Staatsorchesters Braunschweig (Bildquelle: http://www.alexanderjoel.com/images)

Seit zwei Spielzeiten sucht das Staatsorchester Braunschweig nach einem neuen Generalmusikdirektor (GMD). Kurz vor der GMD-Kandidatenkür bringt die Bald-Generalintendantin des Staatstheater Braunschweig Dagmar Schlingmann alles durcheinander und hat eigene GMD-Kandidatenvorschläge. Sei´s drum. Als Nachfolger von Alexander Joel, der von 2007 bis 2014 Generalmusikdirektor vom Staatsorchester Braunschweig war, haben sich bis jetzt die Dirigenten Alexander Prior, Srba Dinić und Enrico Delamboye in je einem Sinfoniekonzert und einer Opernproduktion in Staatstheater Braunschweig vorgestellt. Alle drei Dirigenten gehören nach Angaben der Braunschweiger Zeitung zu den Kandidaten des Generalmusikdirektor-Postens des Staatsorchesters Braunschweig/Staatstheaters Braunschweig. Der Generalmusikdirektor ist Chefdirigent am Staatstheater Braunschweig und Leiter der zehnteiligen Doppelsinfoniekonzertreihe vom Staatsorchester Braunschweig in der Braunschweiger Stadthalle. Alexander Prior gehört zur jungen Generation der aufstrebenden Dirigenten. Mit erst 23 Jahren ist er der jüngste Bewerber um den GMD-Posten in Braunschweig. Er überzeugt nachdrücklich im Sinfoniekonzert und zeigte in der Opernpremiere von Verdis Rigoletto seine Qualität als Operndirigent, der Impulse auf der Bühne und im Orchestergraben mit dem Staatsorchester Braunschweig zu setzen weiß.

Objektiv betrachtet könnte eine GMD-Liste aufgemacht werden, die Srba Dinić (46) anführen und die Enrico Delamboye auf Platz 3 sehen könnte. Wenn das Staatsorchester Braunschweig und das Staatstheater Braunschweig auf Stabilität, höchste Qualität und der Möglichkeit der Weiterentwicklung setzt, müsste Srba Dinić gewählt werden. Wenn das Staatsorchester Braunschweig besonderen Mut beweist, macht es hingegen Alexander Prior zum jüngsten Generalmusikdirektor der Welt und lässt den weltweit Aufmerksamkeit erregenden Dirigenten und Komponisten Impulse für die Zukunft setzen. Natürlich kann Srba Dinić im Gegensatz zu Alexander Prior auf eine lange internationale Karriere und reichlich Erfahrung als Chefdirigent verweisen. Enrico Delamboye (38) ist momentan Chefdirigent am Stadttheater Koblenz und könnte weit abgeschlagen sein. Aber vielleicht sieht das Staatsorchester Braunschweig auch gerade in ihm einen Kapellmeister, der sich in der Provinz bewährt hat und jetzt ein Spitzenorchester aufblühen lässt.

Zu den Vorgängern des neuen „Chefdirigenten“ vom Staatsorchester Braunschweig am Staatstheater Braunschweig gehören neben Alexander Joel Jonas Alber, Philippe Auguin, Stefan Soltesz und Heribert Esser, der das A-Orchester mit 85 Planstellen in seiner fünfundzwanzigjährigen Amtszeit entscheidend prägte. Bis zu seinem Tode 2004 war Carl Melles Ehrendirigent des Staatsorchesters Braunschweig. Anfang 2012 berief der renommierte Klangkörper den ehemaligen Generalmusikdirektor Professor Stefan Soltesz zum Ehrendirigenten. In den letzten beiden Spielzeiten hatte Soltesz die Leitung der Sinfoniekonzertreihe, der jährlich mindestens 40.000 Zuschauer folgen, inne. Das Staatsorchester Braunschweig hat eine mehr als 425 jährigen Geschichte und gehört zu den ältesten Kulturorchester der Welt. Das Orchester wurde 1587 als Herzogliche Hofkapelle des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel von Herzog Julius gegründet. Als Dirigenten eigener Werke oder Kapellmeister wirken am Pult des Staatsorchesters Braunschweig unter anderem Michael Praetorius, Heinrich Schütz, Louis Spohr, Felix Mendelssohn Bartholdy, Hector Herlioz, Franz Liszt und Richard Strauss.

Ob Ernst van Tiel oder Kristiina Poska, die entweder in Braunschweig schon Opern- und/oder Konzertdirigate hatten oder haben werden, ebenfalls zu den Kandidaten um den Generalmusikdirektor-Posten gehören, ist unklar. In jedem Falle lassen sich die Entscheidungsträger in Braunschweig extrem viel Zeit für die Wahl eines geeigneten „Chefdirigenten“. Ursprünglich sollte der Name vom neuen Generalmusikdirektor jetzt bekanntgegeben werden. Doch dann brachte sich die Bald Generalintendantin ein: Die zum Sommer 2017 nach Braunschweig als Generalintendantin an Staatstheater Braunschweig von Saarbrücken wechselnde Dagmar Schlingmann wird jetzt weitere GMD-Kandidaten vorgeschlagen und verzögert in nahezu unerträglicher Weise die Entscheidungsfindung. Eine weitere Verzögerung ist schädlich für das Staatsorchester Braunschweig! Für die Konzert- und Musiktheaterfreunde ist zu hoffen, dass zeitnah ein Dirigent ausgewählt wird, der das Staatsorchester Braunschweig weiterentwickelt, dem Musiktheater und dem Konzertbetrieb neue Impulse gibt, das Publikum, das durch die Fehlentwicklungen im Musiktheaterbereich (Stichwort Ausgabungen, die in Braunschweig wenig Publikum finden) verloren wurde, zurückgewinnt und das Opernensemble, das seit dem Weggang von Alexander Joel ausgeblutet ist, zu beleben und zu entwickeln.

Hoffentlich bringt ein Kompetenzgerangel zwischen „Noch-Generalintendant“ Joachim Klement und „Bald-Generalintendantin“ Dagmar Schlingmann nicht noch mehr Verzug in die Kandidatenkür. Man möchte Frau Schlingmann fast schon zurufen, dass es bereits ausreichend Kandidaten gibt und sie besser mit diesen sprechen sollte, anstatt neue Kandidaten ins Spiel zu bringen. Hier geht es um die Qualität eines Orchesters und nicht in erster Linie um die Wünsche von Dagmar Schlingmann. Ihre Einmischung hat schon jetzt für Verärgerung und Irritationen auf verschiedenen Seiten geführt. Es darf nicht vergessen werden, dass das Orchester seinen Chefdirigenten wählt und Theaterintendanten sollten sich in diesen Prozess so wenig wie möglich einmischen, da diese Entscheidungsfindung schlicht und ergreifend ihre Kompetenzen überschreitet. Hoffentlich sind die bisherigen Kandidaten nicht zu sehr verärgert und die Kandidaten von Dagmar Schlingmann werden vom Staatsorchester Braunschweig überhaupt akzeptiert. Ob sich die Theatermacherin mit ihrer Aktion beliebt gemacht hat und ob es sinnvoll ist, bleibt abzuwarten. Ein Theaterleiter, der sich zu sehr in die Belange von Orchestern einmischt, hat es oft besonders schwer. Hoffentlich bleibt ein solches Schicksal Dagmar Schlingmann erspart.

Kritiken und Vorstellung von Srba Dinić in der Braunschweiger Zeitung sowie Website des Managements international renommierten Dirigenten:
http://www.braunschweiger-zeitung.de/kultur/musik/beethovens-freiheitswille-triumphiert-id2028953.html
http://www.braunschweiger-zeitung.de/kultur/oper-im-ausstattungsrausch-id1779126.html
http://www.braunschweiger-zeitung.de/kultur/mit-sindbad-musikalisch-segel-setzen-id2025156.html
http://www.orlob.net/chap6/106/fr.htm
http://www.mafara.com/Artists/Detail/Dinic

Kritiken und Vorstellung von Alexander Prior in der Braunschweiger Zeitung sowie Website des Dirigenten/Komponisten:
http://www.braunschweiger-zeitung.de/kultur/prokofjews-erbe-id1702687.html
http://www.braunschweiger-zeitung.de/kultur/buehne/rigoletto-zwischen-box-club-und-bordell-id2068762.html
http://www.braunschweiger-zeitung.de/kultur/portraets/ein-musik-enthusiast-beredt-in-einem-dutzend-sprachen-id2063165.html
http://www.alexprior.co.uk/

Kritiken und Vorstellung von Enrico Delamboye in der Braunschweiger Zeitung sowie Website des Dirigenten/Pianisten:
http://www.braunschweiger-zeitung.de/kultur/beethoven-auf-diaet-id2095803.html
http://www.braunschweiger-zeitung.de/kultur/buehne/kinoreife-hassliebe-id1834629.html
http://www.braunschweiger-zeitung.de/kultur/alles-ausser-kinderoper-id2092469.html
http://www.enricodelamboye.com/

Das Zentrum für Kulturkommunikation (ZEK) mit Sitz in Nidderau-Windecken widmet sich insbesondere der Berichterstattung im kulturellen Bereich. Sven-David Müller arbeitete unter anderem als Opernkritiker für die Fachzeitschriften Orpheus und Opernglas. Er übernahm die Pressearbeit für die Freiluftaufführung der Richard Wagner Oper Rienzi (Regisseur Wolfgang Gratschmeier von der Volksoper Wien), moderierte Opernkonzerte unter anderem in Lünen und berichtet über Musiktheaterpremieren in Braunschweig (Staatstheater Braunschweig, Staatsorchester Braunschweig) und der Wiener Volksoper.

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Alexander Joel: Mit Bruckners neunter Sinfonie endet in Braunschweig seine Ära

Generalmusikdirektor Alexander Joel verlässt sein Staatsorchester Braunschweig nach sieben Jahren

Alexander Joel: Mit Bruckners neunter Sinfonie endet in Braunschweig seine Ära

Generalmusikdirektor Alexander Joel

Mit dem 10. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Braunschweig endete die Ära des Generalmusikdirektors Alexander Joel am 24. Juni 2014. Abschließend steht er noch beim Verdi-Requiem bei den Burgplatz-Festspielen am Pult. Mit just diesem Werk hatte vor sieben Jahren seine Amtszeit als GMD des bundesweit geschätzten A-Orchesters begonnen. Das Staatsorchester Braunschweig musiziert seit 426 Jahren und gehört damit zu den traditionsreichsten Kulturorchestern der Welt. Der Komponist Hector Berlioz war immer wieder als Dirigent am Pult und bejubelte die damalige Braunschweiger Hofkapelle als das ideale Orchester!

Mit seiner letzten Sinfonie hat Anton Bruckner, wie er selbst schrieb, auf Erden seine Schuldigkeit getan. Er stößt damit in die Zukunft der Musik vor und geht musikalisch mindestens soweit wie Gustav Mahler später. Die drei Sätze der neunten Sinfonie sind aber nur ein Fragment, da der Komponist die Sinfonie mit dem vierten Satz nicht vollenden konnte. Alexander Joel entschloss sich, nach dem dritten Satz das Bruckner Te Deum zu spielen. So hatte es der Komponist bestimmt und eingerichtet. In Braunschweig machte Bruckners Musik nicht nur sprachlos, sondern auch der Abgesang von Joel als Generalmusikdirektor.

Im ersten Satz in der ausverkauften Stadthalle gelingt der Wechsel von Fortissimo zum Pianissimo mustergültig und zeigt die tadellose Einstudierung des Orchesters. Den Kopfsatz interpretiert Joel drängend und kostet gleichzeitig die Zartheiten der Partitur aus. Die Streicher bieten den warmen Klang sowie präzise Pizzicati und die Blechbläser weisen nur marginale Schwächen auf. Im ersten Satz wie in den Folgesätzen und dem Te Deum präsentieren sich die Holzbläser wie auch andere Gruppen des Orchesters einfach formidabel, voller Spielfreude und bestens aufgelegt. Der im Vergleich zum ersten Satz kurze zweite Satz ist gleichermaßen fröhlich und drängend interpretiert. Fast militärisch stampfend musiziert das Staatsorchester im Dreivierteltakt und verstärkt im Trio die unruhige Stimmung des Scherzos. Die triumphalen orchestralen Ausbrüche des Orchesters im zweiten Satz zeigen das gesangliche Thema des Hauptteils gut auf. Joel setzt mit seinem Orchester eindrucksvolle Akzente. Im Dritten Satz findet er die komponierte Langsamkeit und Feierlichkeit. Ein Sonderlob an die Wagnertuben und die Blechbläser, die im Choralthema des dritten Satzes zur Höchstform auflaufen. Joel gelingt die Beruhigung zum Schluss des dritten Satzes, der mit Pizzicato-Akkorden der Streicher ausklingt.

An die Fragment gebliebene 9. Sinfonie Bruckners schloss sich das Te Deum des Komponisten an. Er sah es als Stolz seines Lebens und es wird als Höhepunkt des künstlerischen Schaffens von Bruckner eingeschätzt. Den feierlichen lateinischen Lob-, Dank- und Bittgesang gestalten Staatsorchester Braunschweig, Chöre und Solisten beeindruckend. Die Chöre klingen homogen und kraftvoll. Auch bei größter Wuchtigkeit gelingt es dem scheidenden Braunschweiger GMD Chöre, Solisten und Orchester bestens beieinander zu halten. Die Solisten berechtigen zu Lob und Kritik, denn bedauerlicherweise übertönt die in Braunschweig zu den Publikumslieblingen gehörende Sopranistin Liana Aleksanyan die Mezzosopranistin Katarzyna Kuncio fast vollständig. Aleksanyan gelingt es leider nicht, die Opernattitüde abzulegen. Zudem stört das Vibrato ihres sonst wundervollen Organs. Der Tenor Arthur Shen gehört seit vielen Jahren zum Braunschweiger Opernensemble, dessen Star er ist. Seine Stimme ermöglicht ein beeindruckendes Nessun Dorma und im Te Deum zeigt er eine klare gut verblendete Stimme mit großer Höhensicherheit und kirchenmusikalischer Raffinesse. Als Steigerung kann man sich einen Lohengrin aus dem Munde des in den USA geborenen Sängers vorstellen. Aus Braunschweig nicht mehr wegzudenken ist der schwarze Bass von Secuk Hakan Tirasoglu, der in dieser Spielzeit sein vielbeachtetes Debüt als Gurznemanz gab. Mit prächtigen Tönen gestaltet er seine Partie ausdrucksstark und angenehm ohne zu opernhaft zu singen. Tosender Beifall, Standing Ovation und Abschiedsgeschenke nach dem letzten Ton für Alexander Joel.

Die Verbundenheit zwischen Dirigent und Orchester zeigt sich auch darin, dass Orchesterdirektor Martin Weller dem Publikum ankündigte, dass Alexander Joel im kommenden Jahr zwei Konzerte des Staatsorchesters leiten und die Zusammenarbeit hoffentlich auch darüber hinaus fortgeführt wird. Zuvor ist ein neuer Generalmusikdirektor zu berufen. In der Spielzeit 2014/15 leitet der Ehrendirigent des Staatsorchesters Braunschweig Stefan Soltesz die zehn Doppelkonzerte in der Braunschweiger Stadthalle und übernimmt ebendort auch 5 Konzerte. Alexander Joel widmet sich ab sofort seinen internationalen Verpflichtungen an den Opernhäusern und in den Konzertsälen der bedeutenden Musikmetropolen. Von Braunschweig in die Welt.

Dr. h.c. Sven-David Müller, MSc., Kulturkritiker
Zentrum für Kulturkommunikation, Ostheimer Straße 27d, 61130 Nidderau, www.svendavidmueller.de Bildquelle:kein externes Copyright

Das Zentrum und die Praxis für Ernährungskommunikation und Gesundheitspublizistik (ZEK) mit Sitz in Nidderau-Windecken widmet sich insbesondere der wissenschaftlich begründeten publikumsorientierten Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Bereich Medizin, Gesundheit, Ernährung und Diätetik. Das ZEK ist ein Zusammenschluss von Ernährungswissenschaftlern, Medizinern, Diätassistenten sowie anderen Natur- und Geisteswissenschaftlern. Chefredakteur und Leiter des ZEK ist Medizinjournalist und Gesundheitspublizist Sven-David Müller, Master of Science in Applied Nutritional Medicine (Angewandte Ernährungsmedizin).

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Gurnemanz Zauberwürfel: Parsifal-Premiere am Staatstheater Braunschweig ein großer Erfolg

Der scheidende Generalmusikdirektor Alexander Joel setzte mit seiner letzten Premiere am Staatstheater Braunschweig ein Ausrufungszeichen

Gurnemanz Zauberwürfel: Parsifal-Premiere am Staatstheater Braunschweig ein großer Erfolg

Der Braunschweiger Generalmusikdirektor (GMD) Alexander Joel

Musiktheater at its best: Am 5. Oktober hatte das Bühnenweihfestspiel Parsifal von Richard Wagner Premiere im großen Haus des Staatstheaters Braunschweig. Zum letzten Mal hat Generalmusikdirektor (GMD) Alexander Joel die musikalische Leitung einer Premiere inne. Wenn auch die Inszenierung von Yona Kim einige Fragezeichen zurückließ, muss festgehalten werden, dass Joel ein Ausrufungszeichen mit seinem Staatsorchester Braunschweig, dem Chor und Extrachor des Theaters und seinem internationalen Ensemble gelungen ist. In den vergangenen Jahren hat er nicht nur eine herausragende Sängerriege fest an das Haus gebunden, sondern auch eine Orchesterkultur erreicht, die es zu rühmen gilt. Der Braunschweiger GMD gab sein Parsifal Debüt und besser konnte es kaum gelingen. Er ist kein Freund der weihevollen langsamen Tempi. Vielmehr zog er das Tempo leicht an und gab dem durchaus langen Stück aus dem Orchestergraben keine Sekunde zu viel – aber auch keine zu wenig. In allen Gruppen des Orchesters – selbst das typische Wagnerblech und die tückischen Stellen ließen keine Schwäche hören und der Streicherklang wäre auch einem weitaus größeren Orchester gerecht. Kaum pathetisch und unendlich weihevoll, sondern direkt, klar und leidenschaftlich kommt seine Parsifal-Interpretation daher.

Die Bühne wird von David Hohmann praktisch als Quader gestaltet. Fast ein Käfig. Und genauso sieht auch der Gral aus. Ein Zauberwürfel – die Ähnlichkeit zur Kaaba würde zum eher christlichen Gralsgedanken nicht passen. Die Kostüme von Hugo Holger Schneider sind weder historisch noch modern. Vielmehr weisen seine Umhänge und Langhemden maximal auf asiatische Wurzeln hin. Yona Kim schafft Bilder voller Suggestionskraft. Trotzdem gibt sie immer wieder nachdenkliche Antworten und wirft sofort wieder Fragen nach dem Sinn auf. Im ersten Akt schreibt Gurnemanz Parsifal Erlöser auf den Rücken. Und setzt sofort ein Fragezeichen darunter. Eine christliche Gralsfeier bietet sie nicht. Das Bühnenbild gibt dafür auch nicht den richtigen Raum. Es ist von drei Seiten wie ein Quader begrenzt und die Seiten lassen durch Ritzen Licht hinein und hinaus, sind aber doch irgendwie undurchlässig, undemokratisch ja gleichsam radikal in ihrer Aussage. Und genau diese Quaderform bietet in klein der Gral, der in Braunschweig fast wie ein Zauberwürfel daherkommt. Sein Heil zu finden ist im Großen wie im Kleinen schwerlich für alle machbar. Das erreicht auch der oberlehrerhafte Gurnemanz nicht, der auch mal mit der Peitsche auf die Gralsritter losgeht und stets ein Buch zum Nachlesen und Beweisen in der Hand hat. Der Held Parsifal steht oft im Gedränge und findet dadurch (?) seinen Weg nicht, bevor er erlöst (?) mit einem überdimensionalen Speer zu den dampfenden Quellen schreitet und der gierigen Masse den Gral enthüllt. Amfortas Wunde blutet ewig und der passagere Gralskönig findet keine Ruh´ und Vergebung. Der greise Titurel wird gar Opfer von Fußtritten. Die unbefriedigte Masse, der kein Heil mehr zu Teil wurde, tritt ihn mit Füßen zu Tode.

Die Braunschweiger Parsifal Premiere war ein besonderes Debüt, denn neben Regisseurin Kim und GMD Joel debütierten auch Pushniak, Krastev, Tirasoglu, Dominik Wortig (Parsifal) und Morenike Fadayomi (Kundry) in ihren Rollen. Wortig begann seine Sängerkarriere als Bariton. Und genau dieses Fundament bildet das seines heldischen Tenors. Die Rolle des Parsifal ist für Dominik Wortig keine Grenzpartie. Er bewältigt sie mit großer Stimmkultur ohne Ausfälle mit schönem jugendlichem Strahl und einwandfreien Spitzentönen. Leider sieht Yona Kim Parsifal scheinbar weder als reinen Tor, noch als Erlöser und schon gar nicht als Held. Seltsam unbeteiligt in Mimik und Gestik bleibt die Rolle daher. Der erfahrene Sängerdarsteller Wortig hätte sicher mehr bieten können, wenn die Regie ihn gelassen hätte. Parsifal bleibt vom ganzen Geschehen praktisch unbeeindruckt und auch die Zeit des Toren nimmt man ihm szenisch nicht ab. Demgegenüber gibt Kim Titurel, Klingsor, Kundry und Gurnemanz sehr wohl ein dichtes darstellerisches Profil. Wieso sie auch Amfortas in der Personenführung im Stich lässt, ist unerklärlich. Wenn auch die Inszenierung von Yona Kim immer wieder zum Nachdenken anregt und mit überkommenen Parsifal-Vorstellungen und -Inszenierungen nichts zu tun hat, ist die musikalische Umsetzung nur mit dem Wort grandios zu bezeichnen. Alexander Joel führt Orchester, Solisten und Chor sicher durch die anspruchsvolle Partitur, deren Musik edel und voller symbolischer Kraft aus dem Orchestergraben wallt. Joel wählt zügige Tempi und gibt dem Klangdenkmal trotzdem den notwendigen Raum. Die auf der Seitenbühne platzierten Harfen setzen deutlich sphärische Akzente. Bedauerlich ist, dass die Glockenklänge vom Band im Gegensatz zum Orchesterklang keinen besonderen Effekt erzielen. Auch die Damenchöre aus dem ersten Rang ergeben nicht die Klangintensität, die von der Bühne und aus dem Orchestergraben eindringlich das Ohr erfreut. Das Staatsorchester Braunschweig wird von Alexander Joel, der sonst eher als Puccini- und Verdidirigent in Braunschweig geschätzt und in ganz Europa gefragt ist, zu einer Klangpracht inspiriert, die nicht alltäglich ist. Gleichzeitig übertönt er seine Sänger nicht, sondern trägt die Stimmen wie auf eine Welle ins Publikum. Aber nicht nur die Töne, sondern auch die Worte. Die Wortverständlichkeit dieser Parsifal-Premiere ist herausragend. Jedes Wort wie in Stein gemeißelt. Nur so wird die Handlung um den Erlösungsgedanken in und um die Burg Monsalvat nachvollziehbar und mit Verlaub erträglich.

Der lyrische Tenor Matthias Stier ist eine Luxusbesetzung des ersten Gralsritters. Selbiges gilt auch für den seit Jahren zum festen Ensemble gehörenden Bariton Malte Roesner (2. Gralsritter). Bis auf zwei Rollen waren alle Hauptpartien mit Haussängern besetzt. Welches Haus kann sich schon rühmen, einen herausragenden Gurnemanz (Selcuk Hakan Tirasoglu), einen guten Titurel (Rossen Krastev), einen bayreutherprobten Bariton als Amfortas (Oleksandr Pushniak) und einen gleichsam mediterran kräftig klingenden Klingsor (Orhan Yildiz) fest verpflichtet zu haben. Orhan Yildiz singt Klingsor dunkel und brüllt ihn nicht heraus. Sein warmer Bariton klingt sicher nicht wie ein abgesungener Heldenbariton, sondern klar in der Diktion und fest angenehm timbrierend mit eindrucksvollem Ton. Aus der Gruppe der Blumenmädchen ragte Ekatarina Kudryavtseva mit klangprächtigem Sopran hervor. Simone Lichtenstein, Milda Tubelyté, Moran Abouloff und Carolin Löffler waren angenehm klingende Blumenmädchen, deren attraktive Stimme sich im Äußeren wiederholte. Die Partykostüme der Blumenmädchen waren verführerisch und glücklicherweise hat Yona Kim auf Nack- und andere Albernheit verzichtet. Die junge Mezzosopranistin Milda Tubelyté ist nicht nur körperlich groß und ansehenswert, eine ebensolche Stimme zeichnet die schauspielerisch begabte Sängerin aus, die mit warmem Ton auch als Stimme aus der Höhe zu hören war.

Star des Abends waren aber nicht Parsifal oder Kundry. Der Gurnemanz von Selcuk Hakan Tirasoglu kam einer Offenbarung gleich. Sein Gralsritter, der von Tirasoglu mit größter Raffinesse gesungen wird, hat Gewicht. Tirasoglu ist ein seriöser Bass von einer Sonorität und einem Volumen, der immer wieder aufhorchen lässt. Eine stets warme unangestrengte Stimme, die bruchlos aber nie atemlos mit italienischer Schulung ein tiefes Stimmergebnis liefert, das nur als schwarzer Bass bezeichnet werden kann. Zuweilen und gerade im deutschen Fach erinnert die Stimme von Selcuk Hakan Tirasoglu an den König der schwarzen Bässe Gottlob Frick. Vom Piano bis zum Forte durchmisst sein Organ alle Anforderungen in Wagners Parsifal. Und im Parlando seiner großen Erzählung trübt fast nichts den literarischen Inhalt, und die Töne, auf denen dieser fußt, sind nicht knorrig oder brüchig, sondern angenehm und mit sattem Klang. Einzig eine merkwürdige Vokalfärbungen zeigen die türkische Herkunft des Sängers. Aber sonst wäre er auch perfekt gewesen und das ist auch Gurnemanz nicht. Am Ende der Oper hat man den Eindruck, der Bassist könne die Rolle des Gurnemanz gleich noch einmal singen. Und so steht der Bassist, der seit 2007 in Braunschweig engagiert ist, mit ausgebreiteten Armen auf der Bühne und wird bejubelt. Eindrucksvoll und charakteristisch gleichermaßen war der Handkuss, den Joel seinem Gurnemanz gab. Der Dirigent berichtete später, dass er sich immer absolut sicher war, dass Tirasoglu ein herausragender Gurnemanz sein wird. Seine Ansicht hat sich erfüllt. Die Kundry von Sopranistin Moerenike Fadayomi ist mit Nachdruck wundervoll gespielt und ihr Lachen lässt das Publikum erschaudern. Die Tiefe einer Mezzosopranistin steht ihr nicht zur Verfügung und doch erlaubt ihr tiefes Register satte Töne. Ihre Stimme ist wandlungsfähig und so ist sie eine gute Darstellerin der Kundry. Ihr Sopran ist bruchlos geführt und auch das Volumen immer ausreichend. Leider stellt sich bei der Sängerin bei Spitzentönen im Forte ein unangenehmer „Wobble“ ein. Die sonst einwandfreie Stimmführung zeigt, dass es der Sängerin anzuraten wäre, etwas weniger zu geben, um auf dem Ton zu bleiben und nicht zu schwingen. Rossen Krastev stellt den greisen Titurel eindringlich dar und zeigt die Stimme eines jungen engagierten Basses mit recht großer Stimme und schönem Timbre. Von Oleksandr Pushniak konnte man nach seinem Donner-Debüt in Bayreuth einiges erwarten. Der großstimmige Bass-Bariton, mit kleinen Höhrenschwächen, hält sich angenehm zurück und gibt einen balsamischen Amfortas, dessen Wunde nicht aufhören will zu bluten. Und dieses Blut durchzieht die Inszenierung von Yona Kim genauso wie vier Buben (Novizen). Einer davon wird von Parsifal anstatt eines Schwans erlegt.

Am Ende steigt Yona Kim scheinbar mit Nebel, Gral und dem heiligen Speer, der reliquienhaft erscheint, aus ihrem eigenen Konzept aus. Wieso dann plötzlich ein Gralsritter auf einem Gebetsteppich gen Mekka betet, bleibt ein Geheimnis der Regisseurin. Andere religiöse Symbole schmücken die Bühne. Irgendwie fehlten da nur noch die Hakenkreuzfahne und ein Gestapomantel und schon wäre die Inszenierung in kleinen Anspielungen und merkwürdig eindeutig uneindeutigen Nebenschauplätzen total misslungen und ärgerlich. Glücklicherweise erspart das Yona Kim dem Publikum, das ihre Auffassung des Bühnenweihfestspiels erstaunlich gefasst und fast begeistert, mit wenig Buh-Rufen, aufnimmt.

Wie alle Wagner-Werke ist auch der Parsifal eine große Choroper. Die Qualität des Staatstheater Chores und seines Extrachores hat Chordirektor Georg Menskes in den vergangenen Jahren stetig verbessert und so waren die großen Chorszenen im Parsifal ein ziemlicher Hörgenuss. Keine Chortenöre, die gleichermaßen als Solisten übertönen und keine scharfen Sopran-Stimmen, die ausgesungen klingen. Erstaunlich ist die schauspielerische Leistung der Braunschweiger Chorsänger. Und es verwundert bei der Güte des Chores nicht, dass der 4. Knappe (Yuedong Guan) und ein Blumenmädchen (Hyo-Jin Shin) mit Chorsängern besetzt waren. Sie ergänzten die Gruppen der Knappen oder Blumenmädchen aber nicht einfach nur unauffällig, sondern wussten mit ihren gesanglichen Mitteln gute Akzente zu setzen und wurden zu Recht auch im Einzelschlussapplaus entsprechend vom Publikum und den Solisten-Kollegen mit Applaus gewürdigt.

Die kluge Ensemblepolitik von Alexander Joel hat sich bewährt und ermöglicht selbst für Parsifal eine vorwiegend hauseigene Besetzung. Dass der Braunschweiger Generalmusikdirektor nur noch diese Spielzeit mit seinen Sängern und seinem Orchester musiziert, ist betrüblich. Wie seine Vorgänger Stefan Soltesz oder Philippe Auguin wird Alexander Joel seine internationale Karriere vorantreiben und in nicht allzu ferner Zukunft Chefdirigent in einem großen Opernhaus werden. Für seinen Parsifal gilt nicht „Augen zu und durch“, sondern Ohren und Sinne auf, um alles wahrzunehmen, zu verarbeiten und Freude zu empfinden. Auf nach Braunschweig: Gurnemanz Zauberwürfel und -stimme nicht verpassen!

Die Homepage von Sven-David Müller liefert vielfältige Ernährungsinformationen. Sven-David Müller ist Diätassistent, Diabetesberater DDG (Deutsche Diabetes Gesellschaft) und studiert Applied Nutritional Medicine an der Donau Universität Krems. Er ist Master of Science in Applied Nutritional Medicine (Angewandter Ernährungsmedizin).

Auf seiner Homepage informiert Sven-David Müller, M.Sc., über seine Bücher, Termine und Veranstaltungen. Zusammen mit anderen Fachjournalisten liefert er Informationen über Ernährung, Ernährungsmedizin, nutritive Medizin sowie Diätetik.

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Braunschweiger Parsifal ist ein voller Erfolg

Alexander Joel setzte mit seiner letzten Premiere am Staatstheater Braunschweig ein Ausrufungszeichen

Braunschweiger Parsifal ist ein voller Erfolg

(NL/6538472938) Am 5. Oktober 2013 hatte das Bühnenweihfestspiel Parsifal von Richard Wagner Premiere im großen Haus des Staatstheaters Braunschweig. Zum letzten Mal hat Generalmusikdirektor (GMD) Alexander Joel die musikalische Leitung einer Premiere inne. Wenn auch die Inszenierung von Yona Kim einige Fragezeichen zurückließ, muss festgehalten werden, dass Joel ein Ausrufungszeichen mit seinem Staatsorchester Braunschweig, dem Chor und Extrachor des Theaters und seinem internationalen Ensemble gelungen ist. In den vergangenen Jahren hat er nicht nur eine herausragende Sängerriege fest an das Haus gebunden, sondern auch eine Orchesterkultur erreicht, die es zu rühmen gilt. Der Braunschweiger GMD gab sein Parsifal Debüt und besser konnte es kaum gelingen. Er ist kein Freund der weihevollen langsamen Tempi. Vielmehr zog er das Tempo leicht an und gab dem durchaus langen Stück aus dem Orchestergraben keine Sekunde zu viel aber auch keine zu wenig. In allen Gruppen des Orchesters selbst das typische Wagnerblech und die tückischen Stellen ließen keine Schwäche hören und der Streicherklang wäre auch einem weitaus größeren Orchester gerecht. Kaum pathetisch und unendlich weihevoll, sondern direkt, klar und leidenschaftlich kommt seine Parsifal-Interpretation daher.

Die Bühne wird von David Hohmann praktisch als Quader gestaltet. Fast ein Käfig. Und genauso sieht auch der Gral aus. Ein Zauberwürfel die Ähnlichkeit zur Kaaba würde zum eher christlichen Gralsgedanken nicht passen. Die Kostüme von Hugo Holger Schneider sind weder historisch noch modern. Vielmehr weisen seine Umhänge und Langhemden maximal auf asiatische Wurzeln hin. Yona Kim schafft Bilder voller Suggestionskraft. Trotzdem gibt sie immer wieder nachdenkliche Antworten und wirft sofort wieder Fragen nach dem Sinn auf. Im ersten Akt schreibt Gurnemanz Parsifal Erlöser auf den Rücken. Und setzt sofort ein Fragezeichen darunter. Eine christliche Gralsfeier bietet sie nicht. Das Bühnenbild gibt dafür auch nicht den richtigen Raum. Es ist von drei Seiten wie ein Quader begrenzt und die Seiten lassen durch Ritzen Licht hinein und hinaus, sind aber doch irgendwie undurchlässig, undemokratisch ja gleichsam radikal in ihrer Aussage. Und genau diese Quaderform bietet in klein der Gral, der in Braunschweig fast wie ein Zauberwürfel daherkommt. Sein Heil zu finden ist im Großen wie im Kleinen schwerlich für alle machbar. Das erreicht auch der oberlehrerhafte Gurnemanz nicht, der auch mal mit der Peitsche auf die Gralsritter losgeht und stets ein Buch zum Nachlesen und Beweisen in der Hand hat. Der Held Parsifal steht oft im Gedränge und findet dadurch (?) seinen Weg nicht, bevor er erlöst (?) mit einem überdimensionalen Speer zu den dampfenden Quellen schreitet und der gierigen Masse den Gral enthüllt. Amfortas Wunde blutet ewig und der passagere Gralskönig findet keine Ruh´ und Vergebung. Der greise Titurel wird gar Opfer von Fußtritten. Die unbefriedigte Masse, der kein Heil mehr zu Teil wurde, tritt ihn mit Füßen zu Tode.

Die Braunschweiger Parsifal Premiere war ein besonderes Debüt, denn neben Regisseurin Kim und GMD Joel debütierten auch Pushniak, Krastev, Tirasoglu, Dominik Wortig (Parsifal) und Morenike Fadayomi (Kundry) in ihren Rollen. Wortig begann seine Sängerkarriere als Bariton. Und genau dieses Fundament bildet das seines heldischen Tenors. Die Rolle des Parsifal ist für Dominik Wortig keine Grenzpartie. Er bewältigt sie mit großer Stimmkultur ohne Ausfälle mit schönem jugendlichem Strahl und einwandfreien Spitzentönen. Leider sieht Yona Kim Parsifal scheinbar weder als reinen Tor, noch als Erlöser und schon gar nicht als Held. Seltsam unbeteiligt in Mimik und Gestik bleibt die Rolle daher. Der erfahrene Sängerdarsteller Wortig hätte sicher mehr bieten können, wenn die Regie ihn gelassen hätte. Parsifal bleibt vom ganzen Geschehen praktisch unbeeindruckt und auch die Zeit des Toren nimmt man ihm szenisch nicht ab. Demgegenüber gibt Kim Titurel, Klingsor, Kundry und Gurnemanz sehr wohl ein dichtes darstellerisches Profil. Wieso sie auch Amfortas in der Personenführung im Stich lässt, ist unerklärlich. Wenn auch die Inszenierung von Yona Kim immer wieder zum Nachdenken anregt und mit überkommenen Parsifal-Vorstellungen und Inszenierungen nichts zu tun hat, ist die musikalische Umsetzung nur mit dem Wort grandios zu bezeichnen. Alexander Joel führt Orchester, Solisten und Chor sicher durch die anspruchsvolle Partitur, deren Musik edel und voller symbolischer Kraft aus dem Orchestergraben wallt. Joel wählt zügige Tempi und gibt dem Klangdenkmal trotzdem den notwendigen Raum. Die auf der Seitenbühne platzierten Harfen setzen deutlich sphärische Akzente. Bedauerlich ist, dass die Glockenklänge vom Band im Gegensatz zum Orchesterklang keinen besonderen Effekt erzielen. Auch die Damenchöre aus dem ersten Rang ergeben nicht die Klangintensität, die von der Bühne und aus dem Orchestergraben eindringlich das Ohr erfreut. Das Staatsorchester Braunschweig wird von Alexander Joel, der sonst eher als Puccini- und Verdidirigent in Braunschweig geschätzt und in ganz Europa gefragt ist, zu einer Klangpracht inspiriert, die nicht alltäglich ist. Gleichzeitig übertönt er seine Sänger nicht, sondern trägt die Stimmen wie auf eine Welle ins Publikum. Aber nicht nur die Töne, sondern auch die Worte. Die Wortverständlichkeit dieser Parsifal-Premiere ist herausragend. Jedes Wort wie in Stein gemeißelt. Nur so wird die Handlung um den Erlösungsgedanken in und um die Burg Monsalvat nachvollziehbar und mit Verlaub erträglich.

Der lyrische Tenor Matthias Stier ist eine Luxusbesetzung des ersten Gralsritters. Selbiges gilt auch für den seit Jahren zum festen Ensemble gehörenden Bariton Malte Roesner (2. Gralsritter). Bis auf zwei Rollen waren alle Hauptpartien mit Haussängern besetzt. Welches Haus kann sich schon rühmen, einen herausragenden Gurnemanz (Selcuk Hakan Tirasoglu), einen guten Titurel (Rossen Krastev), einen bayreutherprobten Bariton als Amfortas (Oleksandr Pushniak) und einen gleichsam mediterran kräftig klingenden Klingsor (Orhan Yildiz) fest verpflichtet zu haben. Orhan Yildiz singt Klingsor dunkel und brüllt ihn nicht heraus. Sein warmer Bariton klingt sicher nicht wie ein abgesungener Heldenbariton, sondern klar in der Diktion und fest angenehm timbrierend mit eindrucksvollem Ton. Aus der Gruppe der Blumenmädchen ragte Ekatarina Kudryavtseva mit klangprächtigem Sopran hervor. Simone Lichtenstein, Milda Tubelyté, Moran Abouloff und Carolin Löffler waren angenehm klingende Blumenmädchen, deren attraktive Stimme sich im Äußeren wiederholte. Die Partykostüme der Blumenmädchen waren verführerisch und glücklicherweise hat Yona Kim auf Nack- und andere Albernheit verzichtet. Die junge Mezzosopranistin Milda Tubelyté ist nicht nur körperlich groß und ansehenswert, eine ebensolche Stimme zeichnet die schauspielerisch begabte Sängerin aus, die mit warmem Ton auch als Stimme aus der Höhe zu hören war.

Star des Abends waren aber nicht Parsifal oder Kundry. Der Gurnemanz von Selcuk Hakan Tirasoglu kam einer Offenbarung gleich. Sein Gralsritter, der von Tirasoglu mit größter Raffinesse gesungen wird, hat Gewicht. Tirasoglu ist ein seriöser Bass von einer Sonorität und einem Volumen, der immer wieder aufhorchen lässt. Eine stets warme unangestrengte Stimme, die bruchlos aber nie atemlos mit italienischer Schulung ein tiefes Stimmergebnis liefert, das nur als schwarzer Bass bezeichnet werden kann. Zuweilen und gerade im deutschen Fach erinnert die Stimme von Selcuk Hakan Tirasoglu an den König der schwarzen Bässe Gottlob Frick. Vom Piano bis zum Forte durchmisst sein Organ alle Anforderungen in Wagners Parsifal. Und im Parlando seiner großen Erzählung trübt fast nichts den literarischen Inhalt, und die Töne, auf denen dieser fußt, sind nicht knorrig oder brüchig, sondern angenehm und mit sattem Klang. Einzig eine merkwürdige Vokalfärbungen zeigen die türkische Herkunft des Sängers. Aber sonst wäre er auch perfekt gewesen und das ist auch Gurnemanz nicht. Am Ende der Oper hat man den Eindruck, der Bassist könne die Rolle des Gurnemanz gleich noch einmal singen. Und so steht der Bassist, der seit 2007 in Braunschweig engagiert ist, mit ausgebreiteten Armen auf der Bühne und wird bejubelt. Eindrucksvoll und charakteristisch gleichermaßen war der Handkuss, den Joel seinem Gurnemanz gab. Der Dirigent berichtete später, dass er sich immer absolut sicher war, dass Tirasoglu ein herausragender Gurnemanz sein wird. Seine Ansicht hat sich erfüllt. Die Kundry von Sopranistin Moerenike Fadayomi ist mit Nachdruck wundervoll gespielt und ihr Lachen lässt das Publikum erschaudern. Die Tiefe einer Mezzosopranistin steht ihr nicht zur Verfügung und doch erlaubt ihr tiefes Register satte Töne. Ihre Stimme ist wandlungsfähig und so ist sie eine gute Darstellerin der Kundry. Ihr Sopran ist bruchlos geführt und auch das Volumen immer ausreichend. Leider stellt sich bei der Sängerin bei Spitzentönen im Forte ein unangenehmer Wobble ein. Die sonst einwandfreie Stimmführung zeigt, dass es der Sängerin anzuraten wäre, etwas weniger zu geben, um auf dem Ton zu bleiben und nicht zu schwingen. Rossen Krastev stellt den greisen Titurel eindringlich dar und zeigt die Stimme eines jungen engagierten Basses mit recht großer Stimme und schönem Timbre. Von Oleksandr Pushniak konnte man nach seinem Donner-Debüt in Bayreuth einiges erwarten. Der großstimmige Bass-Bariton, mit kleinen Höhrenschwächen, hält sich angenehm zurück und gibt einen balsamischen Amfortas, dessen Wunde nicht aufhören will zu bluten. Und dieses Blut durchzieht die Inszenierung von Yona Kim genauso wie vier Buben (Novizen). Einer davon wird von Parsifal anstatt eines Schwans erlegt.

Am Ende steigt Yona Kim scheinbar mit Nebel, Gral und dem heiligen Speer, der reliquienhaft erscheint, aus ihrem eigenen Konzept aus. Wieso dann plötzlich ein Gralsritter auf einem Gebetsteppich gen Mekka betet, bleibt ein Geheimnis der Regisseurin. Andere religiöse Symbole schmücken die Bühne. Irgendwie fehlten da nur noch die Hakenkreuzfahne und ein Gestapomantel und schon wäre die Inszenierung in kleinen Anspielungen und merkwürdig eindeutig uneindeutigen Nebenschauplätzen total misslungen und ärgerlich. Glücklicherweise erspart das Yona Kim dem Publikum, das ihre Auffassung des Bühnenweihfestspiels erstaunlich gefasst und fast begeistert, mit wenig Buh-Rufen, aufnimmt.

Wie alle Wagner-Werke ist auch der Parsifal eine große Choroper. Die Qualität des Staatstheater Chores und seines Extrachores hat Chordirektor Georg Menskes in den vergangenen Jahren stetig verbessert und so waren die großen Chorszenen im Parsifal ein ziemlicher Hörgenuss. Keine Chortenöre, die gleichermaßen als Solisten übertönen und keine scharfen Sopran-Stimmen, die ausgesungen klingen. Erstaunlich ist die schauspielerische Leistung der Braunschweiger Chorsänger. Und es verwundert bei der Güte des Chores nicht, dass der 4. Knappe (Yuedong Guan) und ein Blumenmädchen (Hyo-Jin Shin) mit Chorsängern besetzt waren. Sie ergänzten die Gruppen der Knappen oder Blumenmädchen aber nicht einfach nur unauffällig, sondern wussten mit ihren gesanglichen Mitteln gute Akzente zu setzen und wurden zu Recht auch im Einzelschlussapplaus entsprechend vom Publikum und den Solisten-Kollegen mit Applaus gewürdigt.

Die kluge Ensemblepolitik von Alexander Joel hat sich bewährt und ermöglicht selbst für Parsifal eine vorwiegend hauseigene Besetzung. Dass der Braunschweiger Generalmusikdirektor nur noch diese Spielzeit mit seinen Sängern und seinem Orchester musiziert, ist betrüblich. Wie seine Vorgänger Stefan Soltesz oder Philippe Auguin wird Alexander Joel seine internationale Karriere vorantreiben und in nicht allzu ferner Zukunft Chefdirigent in einem großen Opernhaus werden. Für seinen Parsifal gilt nicht Augen zu und durch, sondern Ohren und Sinne auf, um alles wahrzunehmen, zu verarbeiten und Freude zu empfinden. Auf nach Braunschweig: Gurnemanz Zauberwürfel und -stimme nicht verpassen! Unter www.svendavidmueller.de gibt es weitere Opernkritiken von Sven-David Müller.

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